Manns­bild

Foto: Copyright © 2015 by SPIEGEL Verlag, Fotograf: Dmitrij Leltschuk

Schön­heit be­rührt mich. Viel­leicht auch, weil sie im­mer mit Wahr­heit zu tun hat. Aber selbst mit wa­chem Auge blei­ben die Mo­men­te rar, in de­nen der Atem weit wird, weil dort drau­ßen et­was ist, was den di­rek­ten Weg ge­fun­den hat zu dem, was ei­nen im In­ners­ten aus­macht. Im All­zeit­bun­ten ist es schwer, of­fen zu blei­ben, das all­um­fas­sen­de Lär­men um Auf­merk­sam­keit macht taub, schon aus Selbst­schutz.

Aber es ge­schieht, und in die­sem Fall war es das Foto ei­nes Men­schen, ganz lei­se und ver­steckt zwi­schen an­de­ren, aber so be­ein­dru­ckend in sei­ner Of­fen­heit, dass es sich über sein Um­feld auf na­tür­li­che Wei­se er­ho­ben hat. Es ist das Foto von Gui­do Wes­ter­wel­le, die Au­gen ge­schlos­sen und den Kopf leicht er­ho­ben, ein Bild von ei­nem Men­schen, der sich in sei­ner Ver­letz­lich­keit zeigt, und das den­noch eine ganz ur­sprüng­li­che Kraft aus­strahlt, bei­na­he Trotz. Der SPIEGEL zeigt die­ses Bild auf dem Co­ver, und bei­des ist schlicht be­ein­dru­ckend – das Foto, der Ort.

Man kann ver­mu­ten, dass mensch­li­che Por­träts das häu­figs­te Mo­tiv in der Fo­to­gra­fie sind. Wir alle ver­su­chen un­ser Ge­gen­über im Pri­va­ten fest­zu­hal­ten in ei­nem Mo­ment, und den­noch er­zeugt ein Ab­bild nur sel­ten das Ge­fühl ech­ten Er­ken­nens. Das ist nicht al­lein durch man­geln­des Hand­werk zu er­klä­ren, denn auch in der pro­fes­sio­nel­len Fo­to­gra­fie ist ein gu­tes Por­trät gro­ße Kunst. Kei­ne Tech­nik der Welt und kein Licht kön­nen eine Ga­ran­tie ge­ben – man kann nicht er­zwin­gen, was aus der Sa­che her­aus sehr viel mit Frei­heit zu tun hat. Da­mit man ei­nen Men­schen er­ken­nen kann, ihm »in die See­le« schaut, da braucht es mehr: die Fä­hig­keit, sich ein­zu­las­sen. Das geht nur mit Ver­trau­en und Of­fen­heit auf bei­den Sei­ten, der Fo­to­graf kann sich nicht her­aus­neh­men aus je­ner Pri­vat­heit, in der sich die Klar­heit des Er­ken­nens ent­wi­ckeln kann. Auch er muss et­was wa­gen, sich zu­rück­neh­men, nicht all­zu­sehr steu­ern und den Raum schaf­fen für Mög­lich­kei­ten.

Das Bild von Wes­ter­wel­le dort auf dem SPIEGEL ist von ei­ner sol­chen Fül­le, dass sich der Ar­ti­kel, für den es steht, bei­na­he er­füh­len lässt. Man sieht das Bild ei­nes Men­schen, wie man ihn zu­vor nie­mals sah, oder gar wahr­ge­nom­men hat. Die­ses Bild öff­net Kopf und das Herz, das Den­ken und Füh­len ver­än­dern sich: Für mich ist es das bes­te Por­trät seit sehr lan­ger Zeit, ich kann mich kaum an ein zwei­tes er­in­nern, das mich so be­ein­druckt hat.

Be­ein­dru­ckend auch Re­dak­ti­on und Ge­stal­ter, die es wa­gen, ein sol­ches Mo­tiv an denk­bar pro­mi­nen­tes­ter Stel­le zu zei­gen. Das braucht Mut, und es braucht eine Hal­tung: Die Idee, Dmi­trij Lelt­schuk, der für sei­ne Por­traits auf dem SPIE­GEL-Ti­tel »Die letz­ten Zeu­gen« mit dem Lead-Award in Gold aus­ge­zeich­net wor­den war, als Fo­to­gra­fen auf den Ter­min mit Herrn Wes­ter­wel­le zu schi­cken, kam von Clau­dia Jec­za­witz aus der Fo­to­re­dak­ti­on und der Chef­re­dak­ti­on. Or­ga­ni­sa­ti­on, Bild­vor­auswahl- und Zu­sam­men­stel­lung, Lay­out, Gra­fik und Ent­wurf war die Ar­beit der Ti­tel­re­dak­ti­on: Arne Vogt (Ltg.), Iris Kuhl­mann, Sven­ja Kru­se und Gers­hom Schwal­fen­berg. Die Ent­schei­dung, die­ses Foto so ab­zu­bil­den, lag in den Hän­den der Chef­re­dak­ti­on: Klaus Brink­bäu­mer (Chef­re­dak­teur); Su­san­ne Bey­er, Dirk Kurb­ju­weit, Al­fred Wein­zierl (stellv. Chef­re­dak­teu­re).

Ein­fach groß­ar­tig!