face­book ist tot

Das hier ist ein Text in Ar­beit. Wenn Kraft, Ge­dan­ken und Klar­heit es er­mög­li­chen, wer­de ich ihn in den nächs­ten Stun­den (und Ta­gen) ver­än­dern und er­gän­zen. Aus gu­tem Grund, denn ich möch­te schon seit lan­ger Zeit er­zäh­len, war­um face­book tot ist, war­um das gut ist, wie das Neue aus­se­hen könn­te. Ich weiß nicht, ob ich in all dem rich­tig lie­ge, aber das Schrei­ben muss jetzt sein, denn all die­ses Ge­dan­ken schwir­ren mir seit Jah­ren im Kopf her­um, zwi­schen all dem an­de­ren Zeugs, und ich kann mei­ne Woh­nung erst auf­räu­men – was ich drin­gend tun müss­te – wenn wie­der Ord­nung herrscht, in mir, in die­sem Punkt. Also raus da­mit:

tldr;

Die Grund­idee von Face­book ist eine wun­der­vol­le, Men­schen blei­ben in Ver­bin­dung, aber die dar­un­ter­lie­gen­den Kon­zep­te und Tech­no­lo­gi­en sind in­trans­pa­rent, ma­ni­pu­la­tiv, men­schen­ver­ach­tend und un­frei. Die glei­che Funk­tio­na­li­tät lässt sich auf eine gute Wei­se er­rei­chen – mit ver­tret­ba­rem Auf­wand und exis­tie­ren­den Tech­ni­ken. Wie das gin­ge, wird hier be­schrie­ben.

Über face­book

Face­book ist fein, im Prin­zip, man kann mit Men­schen auf lei­se Wei­se in Kon­takt blei­ben. Nichts ist ge­gen ein Ge­spräch von An­ge­sicht zu An­ge­sicht zu sa­gen, ein Te­le­fo­nat, eine Mail oder ei­nen Brief, aber das er­for­dert prin­zi­pi­ell Ak­ti­on und eben meis­tens auch Re­ak­ti­on. Da­na­ch steht nicht im­mer der Sinn, und nicht mit je­dem. Manch­mal reich­te es ja schon, ein biss­chen mit­zu­be­kom­men aus dem Le­ben der An­de­ren, sich ein we­nig aus­zu­tau­schen, un­ge­trie­ben, und et­was von dem zu zei­gen, wer man ist und was man mag, und von dem zu er­fah­ren, was in dem so­zia­len Um­feld so vor­geht. Das bie­tet face­book, eine gute Sa­che also. Das Pro­blem: Die in­for­ma­ti­ve Frei­heit ist da­bei ver­lo­ren ge­gan­gen.

Die Ge­schäfts­grund­la­ge von Face­book im­pli­ziert gleich­zei­tig die Grund­feh­ler: Das Sys­tem ist ge­schlos­sen, man ist ent­we­der drin­nen oder drau­ßen, be­gibt sich und sein Netz­werk qua­si frei­wil­lig in Gei­sel­haft. Die per­sön­li­chen Da­ten wer­den von ei­nem Kon­zern ge­spei­chert und nach Be­lie­ben aus­ge­wer­tet, in der Re­gel und an of­fen­sicht­lichs­ter Stel­le durch in­di­vi­dua­li­sier­te Wer­bung. Über weit­aus ge­fähr­li­che­re An­wen­dungs­mög­lich­kei­ten wur­de an vie­len Stel­len kom­pe­ten­ter ge­schrie­ben, mir reicht schon die Ah­nung von all dem für per­sön­li­che Ab­sti­nenz.

Das al­les wäre prin­zi­pi­ell schon schwer zu ver­kraf­ten, wenn nicht zu­sätz­li­ch auch das Le­sen ma­ni­pu­liert wür­de – in der Chro­nik zeigt sich nicht die tat­säch­li­che Ak­tua­li­tät der Ge­scheh­nis­se, son­dern sie wird zu­neh­mend zu ei­nem Ge­men­ge aus Nach­rich­ten der Be­freun­de­ten, Wer­bung, Un­ter­neh­mens­mit­tei­lun­gen und Ge­döns. Kein Men­sch weiß tat­säch­li­ch, nach wel­chen Kri­te­ri­en das zu­sam­men­ge­stellt ist, wel­che Al­go­rith­men da­hin­ter ste­hen. Aber ei­nes weiß man ge­n­au: Es hat kaum et­was mit dem ei­ge­nen Wol­len zu tun.

Den­no­ch sind alle da­bei, und sie sind es aus den un­ter­schied­lichs­ten Grün­den. Man­che sind un­auf­ge­klärt, für an­de­re ist all das nicht re­le­vant. Fest steht, dass es für das In­di­vi­du­um mit je­dem wei­te­ren Er­eig­nis, mit je­dem Text, Bild oder Kom­men­tar zu­neh­mend schwe­rer wird, sich zu ent­hal­ten. Man hat et­was zu ver­lie­ren. Und klei­ner wird die Men­ge des­sen, was droht, ver­lus­tig zu ge­hen, nicht mehr: Je­der wei­te­re Tag ver­fes­tigt die fak­ti­sche Ab­hän­gig­keit. Das kann nicht gut sein, we­der für die Ein­zel­nen, noch als Sys­tem, noch ge­sell­schaft­li­ch. Des­halb wür­de mir ge­fal­len, wenn face­book als ei­nes der gro­ßen Da­ten­sys­te­me ver­schwän­de. Und er­setzt wür­de durch et­was Neu­es, dass zwar die prin­zi­pi­el­len per­sön­li­chen Vor­tei­le mit­nimmt, sich aber von den im­ma­nen­ten Nach­tei­len ver­ab­schie­det. Evo­lu­ti­on im Di­gi­ta­len so­zu­sa­gen: Blei­be frei und den­no­ch in Kon­takt. Das ist nicht nur ein gu­ter Grund­satz für per­sön­li­che Part­ner­schaf­ten, son­dern auch in Ge­schäfts­be­zie­hun­gen. Und nichts an­de­res ist face­book, eine Ge­schäfts­be­zie­hung: Ich ver­wal­te dein so­zia­les Netz­werk und lie­fe­re die In­fra­struk­tur, da­für be­kom­me ich: dich.

Jede Part­ner­schaft kann man auf­kün­di­gen. Über die not­wen­di­gen Grund­la­gen da­für geht es hier.

Vor­tei­le des neu­en Sys­tems

Die Nach­tei­le von face­book schrei­ben das Las­ten­heft für jede neue Ent­wick­lung, die nah an Men­schen und Mensch­lich­keit sein will, die in Auf­bau und Tech­nik den re­spekt­vol­len Um­gang mit Wol­len und Sein im­ple­men­tiert. Ich möch­te in Kon­takt blei­ben, klar, aber mit wem, wann und in wel­chem Um­fang, das möch­te ich selbst be­stim­men kön­nen! Wem ich mich in wel­cher Form zei­ge und gleich­zei­tig auch, wen ich wel­cher Form wahr­neh­me, das ist in mei­nen Au­gen ein Men­schen­recht: Ein neu­es Sys­tem muss al­len Be­tei­lig­ten alle tech­ni­sch und recht­li­ch mög­li­chen Frei­heits­gra­de der Steue­rung zur Ver­fü­gung stel­len, aus­schließ­li­ch ein­ge­schränkt durch die Frei­heits­gra­de der An­de­ren. Und: Mei­ne Da­ten ge­hö­ren mir; ich möch­te ent­schei­den, was da­mit ge­schieht. Die for­ma­le Funk­tio­na­li­tät – Schrei­ben und Le­sen, Zei­gen und Se­hen, Ter­mi­nie­ren, Kom­men­tie­ren, Kri­ti­sie­ren, Gu­tie­ren und so wei­ter – sol­len er­hal­ten blei­ben, re­gu­liert durch Selbst­be­stim­mung.

Kon­zept

Die Ba­sis­funk­tio­na­li­tät von Face­book be­steht ei­ner­seits dar­in, Tex­te er­fas­sen zu kön­nen, Bil­der und Fil­me zu hin­ter­le­gen; Din­ge und Web­sei­ten zu emp­feh­len; Ter­mi­ne zu kom­mu­ni­zie­ren (fort­lau­fen­de Er­wei­te­run­gen las­se ich vor­er­st mal au­ßer acht, Farm­vil­le habe ich nie ge­spielt, noch ken­ne ich es). An­de­rer­seits – und für das Er­le­ben un­gleich re­le­van­ter – gibt es den Stream, die tat­säch­li­ch wich­ti­ge­re In­no­va­ti­on. Hier lese ich, kann Kom­men­ta­re hin­ter­las­sen und/oder mit ei­nem ein­zi­gen Kli­ck mein Wohl­wol­len kund­tun.

Der er­s­te As­pekt ist schon ab­ge­bil­det – seit lan­ger Zeit gibt es un­ter­schied­li­che Web­log-Soft­ware, die er­mög­licht, ge­n­au das zu tun: Ich schrei­be, zei­ge Bil­der, ver­wei­se auf Web­sei­ten etc. In mei­nem Kon­zept wird es pri­mär um Word­Press ge­hen, ein weit ver­brei­te­tes Sys­tem, das sehr vie­le der im Wei­te­ren als not­wen­dig er­kenn­bar wer­den­den Funk­tio­na­li­tä­ten schon be­inhal­tet.

Für den Stream hin­ge­gen, die Chro­nik oder Zeit­leis­te, wie auch im­mer man das nen­nen will, gibt es noch kein Sub­sti­tut. Zwar er­mög­li­chen Fee­dre­a­der, Neu­ig­kei­ten der abon­nier­ten Sei­ten zu zei­gen, aber der Form­fak­tor wird nicht im An­satz ei­nem Stream ge­recht, auch fehlt eine Viel­falt an Funk­tio­na­li­tät. Hier wäre also der größ­te Ent­wick­lungs­auf­wand zu leis­ten – es braucht ei­nen Re­a­der als Er­satz für face­book, der alle Abon­ne­ments (-> Freund­schaf­ten) in ei­nem zeit­struk­tu­rier­ten Ver­lauf bringt (-> Zei­leis­te). Gleich­zei­tig muss die Mög­lich­keit des Kom­men­tars im Stream ge­schaf­fen wer­den, eben­so wie das Einklick­mö­gen.

Das Grund­prin­zip be­steht also tech­ni­sch ge­se­hen dar­in, dass …

… je­der Teil­neh­mer ein Web­log nutzt,
… die Be­freun­dung über ge­gen­sei­ti­ge RSS-Abon­ne­ments ge­schieht,
… das Le­sen al­ler Feeds in ei­ner ge­ord­ne­ten Zeit­leis­te statt­fin­det,
… Kom­men­ta­re und Wer­tun­gen im Le­sen ge­sche­hen, aber in die Blogs ge­pos­tet wer­den.

War­um Web­logs? Weil sie tech­ni­sch al­les Not­wen­di­ge mit­brin­gen und gleich­zei­tig die Frei­heit der Da­ten­ver­or­tung er­mög­li­chen. Das al­les na­tür­li­ch un­der the hood, tech­ni­sch ge­se­hen durch die Ent­wick­lung ei­nes neu­en Editor/Readers und eine ent­spre­chen­de Ein­rich­tung und Er­wei­te­rung von Word­Press über z.B. Plug­ins. Ein Vor­teil die­ser frei­en Lö­sung wäre, ne­ben der schon ge­nann­ten Be­frei­ung aus dem Da­ten­ghet­to, dass zu­sätz­li­ch bei­na­he be­lie­bi­ge an­de­re Diens­te in den Stream ein­ge­bun­den wer­den kön­nen, bei­spiels­wei­se Twit­ter, flickr, etc.

Tech­nik­de­tails

Ich kann in face­book be­stim­men, wer was liest. Wie geht das in dem neu­en Sys­tem?
Durch die Be­nut­zer- und Rech­te­ver­wal­tung kom­bi­niert mit Ka­te­go­ri­en. Dar­aus re­sul­tie­ren in­di­vi­dua­li­sier­te RSS-Feeds (für Be­nut­zer­grup­pen), die über Pass­wort ge­schützt sind. In der Ti­me­li­ne der An­de­ren er­scheint also nur, was je­weils für sie frei­ge­ge­ben ist.

Wie fin­de ich mei­ne Freun­de?
Noch nicht ab­schlie­ßend durch­dacht – zu klä­ren wäre, ob schon die be­stehen­den Ping-Ser­ver da­für aus­rei­chen; eine Such­ma­schi­nen­ab­fra­ge mit an­schlie­ßen­dem Text­ab­ruf; durch eine Über­nah­me der Face­book-Da­ten; oder ob ein de­zi­dier­ter Adress­buch–Ser­ver not­wen­dig wür­de. Oder was ganz an­de­res :)

Pro­ble­me

Aus tech­ni­scher Sicht kann ich kei­ne Pro­ble­me er­ken­nen, er­s­te Ge­sprä­che mit Pro­gram­mie­rern be­stä­ti­gen das. Aber die tech­ni­sche Mach­bar­keit zeigt nie­mals das gan­ze Bild, ein so­zia­les Netz­werk ist eben nur zur Hälf­te Netz­werk, zur an­de­ren so­zi­al. Und das ist, so bin ich zu­neh­mend si­cher, nicht nur for­mal zu se­hen – alle mei­ne Freun­de und Be­kann­ten sind dort, mein di­gi­ta­les Le­ben spielt sich an ei­nem Ort ab, der mit ver­traut ist –, son­dern auch zu­tief­st mensch­li­ch. Jede Ver­än­de­rung tut weh, geht ein­her mit Schmer­zen, die sich nur im bes­ten Fall und sehr viel spä­ter als Ge­burts­zei­chen ge­deu­tet wer­den. Face­book ist ein Ge­fäng­nis, aber das ist nicht au­to­ma­ti­sch ein ne­ga­ti­ver As­pekt, denn bei al­len Nach­tei­len der Un­frei­heit gibt ein über­schau­ba­rer Raum auch so et­was wie au­to­ma­ti­sche Ge­bor­gen­heit. Man weiß, was man nicht hat; aber eben auch, was man hat. Die voll­kom­me­ne Frei­heit des Selbst und der Da­ten scheint in die­sen Ta­gen nur pro for­ma ein er­stre­bens­wer­tes Ziel zu sein, tat­säch­li­ch aber scheint in un­si­che­ren Zei­ten die Un­frei­heit vor al­lem für Ge­bor­gen­heit zu ste­hen. Das ist eine nicht son­der­li­ch er­wach­se­ne Hal­tung – aber sie ist zu­tief­st mensch­li­ch. Die rei­ne Frei­heit kann es also nicht aus­rei­chen­des Ar­gu­ment sein, für eine sol­che Ent­wick­lung wie die oben ge­schil­der­te, wer das ma­chen will, muss den Über­gang sanft ge­stal­ten und auch für Men­schen be­geh­bar sein, die ein we­nig ängst­li­ch sind. Das wäre vor al­lem Auf­ga­be der UI-Ge­stal­tung.

Fa­zit

Kann man ma­chen. Wenn man will.