Das Ding

In der Mit­te der Ge­sell­schaft steht ein Spie­gel. Was hier er­scheint, hat die Rand­ge­bie­te der Wahr­neh­mung ver­las­sen und sich in wort­ge­wor­de­nes All­ge­mein­wis­sen ver­wan­delt. Das Vieh von Bos­ton Dy­na­mics ist in die­sen Ta­gen zu se­hen, dies­mal sprin­tet es über ei­nen Park­platz, los­ge­löst von al­lem, aut­ark so­zu­sa­gen. Neu­li­ch brach es ei­nen Ge­schwin­dig­keits­re­kord, schon vor Mo­na­ten ver­such­te es sich in ei­ner an­de­ren Ka­teo­go­rie, das Ding könn­te auch Räu­mungs­ro­bo­ter wer­den, so soll­te man ah­nen. Neu ist nichts von all dem, denn wer den Youtube-Ka­nal von Bos­ton Dy­na­mics ver­folgt, ist es mitt­ler­wei­le ge­wohnt, dass Sci­en­ce Fic­tion nicht in al­ten Hef­ten ge­schrie­ben steht, son­dern Teil ganz re­a­ler Busi­ness Plä­nen ge­wor­den ist.

All das ist eine alte Ge­schich­te, und man be­denkt, dass Bos­ton Dy­na­mics durch eine Be­hör­de des ame­ri­ka­ni­schen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums fi­nan­ziert wird, dann ist sie noch äl­ter, als man was wahr­ha­ben mag; was wir se­hen, ist nur das, was wir se­hen sol­len – und die Rea­li­tät schon um Län­gen ent­eilt. Das Vier­bei­ni­ge hat mich tat­säch­li­ch schon vor meh­re­ren Jah­ren er­staunt, un­ter­malt von dem Ge­räusch ei­ner Mo­tor­sä­ge (der An­trieb ent­stammt ei­nem Kart, wie ich neu­li­ch las) tor­kel­te es durch die Ge­gend und ließ sich auch von äu­ße­ren Stö­run­gen kaum be­ir­ren. Im Ge­gen­satz zu mir, denn ge­n­au die­se Stö­rung und die Re­ak­ti­on dar­auf war es, die et­was in mir be­rühr­te, das neu war für mich.

Der Tritt des Man­nes, das Stol­pern, für ei­nen kur­zen Mo­ment stieg das Ge­fühl von Mit­leid in mir hoch, und zwangs­läu­fig ein­her­ge­hend da­mit auch die An­nah­me von so et­was wie Le­ben. Viel zu früh na­tür­li­ch, und wie auf vie­len an­de­ren Ge­bie­ten der Ro­bo­tik über­deckt von dem Wis­sen um die Ding­lich­keit je­ner We­sen. Ei­ner Ding­lich­keit, de­rer ich mich al­ler­dings zu­neh­mend ra­tio­nal ver­si­chern muss – denn ob es der Wis­sen­schaft­ler ist, der ein me­cha­ni­sches Dou­ble sei­ner selbst an sei­ner Um­welt aus­pro­biert oder jene Ro­bo­ter­da­me, die ei­nen weib­li­chen Gang si­mu­liert, all das ver­mischt sich mit der Er­in­ne­rung in mir an jene Fil­me über ähn­li­che The­men, und eine Klar­heit in der Re­zep­ti­on wird zu­neh­mend schwie­ri­ger. Der kur­ze Mo­ment des Ge­fühls für ein We­sen, das kei­nes ist, lässt mich ge­ra­de durch die Ver­un­si­che­rung ge­win­nen an Si­cher­heit: Wir er­le­ben ei­nen Pro­zess, in des­sen wei­te­rem Fort­schritt die Un­ter­scheid­bar­keit schwer fal­len wird – zwi­schen Le­ben und sei­ner Si­mu­la­ti­on. Wenn es ihn gibt, die­sen Un­ter­schied.