Bach­ge­fühls­du­se­lei

Wolf Lot­ter ken­ne ich aus der brand­eins als ei­nen Mann mit aus­rei­chen­der Über­sicht und der not­wen­di­gen In­tel­li­genz, ein The­ma so auf­zu­ar­bei­ten, dass man al­lein durch die Wucht sei­ner Ar­gu­men­te das Ge­fühl ver­liert, in ir­gend­ei­ner Form Wi­der­spruch leis­ten zu kön­nen, ganz un­ab­hän­gig da­von, ob man das über­haupt will. Das Ma­ga­zin habe ich schon län­ger nicht mehr ge­le­sen, aber ich er­in­ne­re mich noch dar­an, dass mich die ze­le­brier­te Strin­genz sei­ner Tex­te er­mü­de­te, ich bin prin­zi­pi­ell eher von je­nen Tex­ten ge­fan­gen, die mich emo­tio­nal be­rüh­ren.

Ge­füh­le also, und nicht die rei­ne Ra­tio­na­li­tät, und wie das zu­sam­men­hängt, das habe ich neu­li­ch auf Twit­ter ge­le­sen:

Mein Bauch­ge­fühl sagt mir, da stimmt et­was nicht, die im­ma­nen­te Ab­wer­tung der Emo­tio­na­li­tät, wenn die Fak­ten ein­deu­tig schei­nen, brin­ge ich kaum mit mei­nem Er­le­ben über­ein, mei­ne Er­fah­rung ist eine voll­kom­men an­de­re: Fak­ten wer­den über­be­wer­tet, und auch das be­wuss­te Den­ken ist zwar eine phan­tas­ti­sche An­ge­le­gen­heit, er­fasst aber nie­mals das gan­ze Bild.

Nun bin ich weit da­von ent­fernt, al­les Glau­ben und Füh­len per se über das Den­ken zu stel­len – was ein­deu­tig scheint, das ver­leug­ne auch ich nicht wi­der bes­se­res Wis­sen, aber ich blei­be mir in mei­nem Be­grei­fen su­spekt, jede Si­cher­heit ist dies nur auf Be­wäh­rung, schließ­li­ch weiß ich aus mei­nem ei­ge­nen Le­ben und aus dem, was mir aus der Ge­schich­te der An­de­ren be­kannt ist, dass es die letz­te Si­cher­heit nie­mals ge­ben kann. Zwar glaubt jede wei­te­re Ge­ne­ra­ti­on von sich selbst, kaum noch Lü­cken im Wis­sen zu las­sen, aber das tut die heu­ti­ge eben­so wie jene, für die un­se­re Welt noch Schei­be war. Nicht all die Fak­ten für sich und im Ein­zel­fall ste­hen also bei mir un­ter be­son­de­rem Ver­dacht, son­dern das si­che­re Wis­sen als Kon­zept.

Ach ja, das mit dem Bauch. Ich ver­traue mei­nem Bauch. Nicht im­mer und in je­der Si­tua­ti­on, aber kei­nes­falls igno­rie­re ich ihn. Er ist nicht nur der Ur­sprung mei­ner Für­ze, son­dern auch das Me­ter mei­ner In­tui­ti­on, und nicht sel­ten habe ich das Ge­fühl (da ist es schon wie­der), dass er in der Lage ist, all das Den­ken, sei es nun be­wusst oder un­ter­be­wusst, in ei­nem gro­ßen Gan­zen zu ver­ei­nen, ein bei­na­he kör­per­li­ch spür­ba­res Fa­zit mei­ner ei­ge­nen re­sul­tie­ren­den Hal­tung so­zu­sa­gen.

Ich rich­te mich nicht im­mer da­na­ch, und in den sel­tens­ten Fäl­len aus­schließ­li­ch, aber ein Mit­spra­che­recht habe ich ihm im Lau­fe der Zeit zu­ge­stan­den, mei­nem Bauch, und sehr oft hat er schon lan­ge vor al­ler Ana­ly­se und ra­tio­na­ler Er­kennt­nis von Si­tua­tio­nen und Zu­sam­men­hän­gen: all das ge­wusst. Na­tür­li­ch bin ich es, der es ge­wusst hat, oder ge­ahnt, mein Bauch ge­hört mir.

Was ich ei­gent­li­ch sa­gen will: Ne­ben dem Ver­dau­en kön­nen Bäu­che eine gan­ze Men­ge mehr, Kin­der wach­sen in Bäu­chen, und Ide­en. Und viel­leicht ist das auch das Bild, wie ich es eher se­hen möch­te, der Bauch als ein Ort für das Wachs­tum von Wahr­hei­ten, so tem­po­r­är und sub­jek­tiv die­se auch sein mö­gen.

Zwei Glä­ser Wein und eine ent­täu­schen­de Land­tags­wahl spä­ter hel­fen mir Fak­ten nicht wei­ter, kal­te Säu­len der Rea­li­tät, aber mein Bauch, der grum­melt. Was er auch im­mer mir da­mit sa­gen will, ich wer­de lau­schen, ein biss­chen.